5. Lebensraum Mittelgebirgsbach

Von der Brücke haben Sie einen guten Blick in den naturnahen Winterbach. Er fließt hier als echter Waldbach in einem geschlossenen Auwald. Weiter abwärts im Tal wurde der Auwald bis auf einen schmalen Streifen zurückgedrängt, aber hier, in dem fast schluchtartigen Kerbtal, ist eine landwirtschaftliche Nutzung schwer möglich und deshalb unterblieben. 
Die dicken, moosbewachsenen Steine und Felsblöcke, über die das Wasser plätschert, bestehen aus Basalt. Sie sind Verwitterungsprodukte der Basaltdecke im Untergrund, an deren Rand sich der Winterbach sein Bett gesucht hat.
Wie Sie sehen, fließt das Wasser nicht ruhig dahin, sondern recht turbulent, mal um die Steine herum, an anderer Stelle als kleiner Wasserfall über die Felsen, mal schneller, mal langsamer. Der Bach ist dabei recht flach und mal schmaler, mal breiter. Dies sind alles Merkmale eines natürlich fließenden Mittelgebirgsbaches.
Ein solcher natürlich fließender Bach bietet verschiedene Kleinstlebensräume. Hier lebt eine große Anzahl Tiere. Anhand der Besiedlung mit bestimmten Tierarten lässt sich sogar die Gewässergüte bestimmen. Da gibt es nicht nur Fische, sondern auch Plattwürmer, Ringelwürmer, Schnecken oder kleine Krebstiere. Hinzu kommen die zahllosen Insektenlarven: Steinfliegen, Eintagsfliegen, Köcherfliegen, Mücken, Käfer – viele nutzen den Mittelgebirgsbach als turbulente Kinderstube; sie schätzen das  kühle, sauerstoffreiche und saubere Wasser und verlassen es als erwachsene Tiere. Und es gibt die tollsten Anpassungen an die Strömung: ganz flache Eintagsfliegenlarven mit Spoiler vorne am Kopf, Mückenlarven mit Saugnäpfen oder Hakenkränzen zum Festhalten, Köcherfliegenlarven, deren Köcher mit Steinchen beschwert sind. 
Wovon leben diese Tiere? Abgesehen von wenigen Moosen und Algen gibt es ja nicht viele Wasserpflanzen in einem Bergbach, dafür ist die Strömung zu heftig und die Beschattung in einem Auwald zu groß. Da muss es also andere Nahrungsquellen geben. Natürlich machen räuberisch lebende Organismen Jagd auf andere Bachbewohner, oder Weidegänger weiden Algen von den Steinen. Wieder andere Tiere bauen filigrane Netze und fangen Schwebstoffe auf. Besonders wichtig ist der Eintrag von organischen Abfällen aus dem Uferbereich. Fichten mit ihren harten Nadeln wären da wenig geeignet. Im Gegensatz dazu liefert vor allem das Laub der Schwarzerlen leicht abbaubare, stickstoffreiche Kost, die zuerst von den Bachflohkrebsen zerschreddern wird. 
Je sauberer und sauerstoffreicher ein Bach ist, desto artenreicher ist das sogenannte Makrozoobenthos. Damit sind die Tiere gemeint, die am Gewässerboden leben und so klein sind, dass die größten unter ihnen gerade so mit dem Auge erkennbar sind. Alle diese Tiere tragen zur Selbstreinigung eines Gewässers bei.

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