11. Im gemachten Nest - die Entwicklung des Ameisenbläulings

Die alte, hier von einer Eschenallee gesäumte Liebenscheider Landstraße wurde im Auftrag Napoleons angelegt. Bis 1932 verband sie den Hickengrund mit dem Westerwald. 
Nördlich der Straße erstreckt sich ein großer Grünlandkomplex bis zum Weierbach. Die Flächen werden zumeist extensiv genutzt, sind also nicht auf Höchsterträge ausgelegt. Verschiedene Tagfalter kommen hier vor, von denen der Dunkle Ameisenbläuling eine ungewöhnliche Lebensweise entwickelt hat. Er ist nämlich sozusagen mit Ameisen befreundet. – Wie das? Eigentlich sollte man doch meinen, Ameisen hätten Tagfalter und ihre Raupen zum Fressen gerne!? 
Zunächst einmal legen die Falter ihre Eier in die roten Blüten des Großen Wiesenknopfs ab. Nach dem Schlüpfen bleiben die kleinen Raupen zwei bis drei Wochen an der Wirtspflanze und futtern an den Blüten. Dann wird es riskant. Die kleine Raupe lässt sich zu Boden fallen und muss hoffen, dass eine Ameise der richtigen Art zufällig vorbeikommt und sie ins Ameisennest mitnimmt. Geht alles gut, adoptieren die Ameisen die Bläulingsraupe. Vermutlich wird den Ameisen durch Duftstoffe vorgegaukelt, es handele sich um eine Larve der eigenen Art, um ihren Fürsorgetrieb zu wecken. In den unterirdischen Ameisennestern verbringen die Schmetterlinge ihr restliches Raupenstadium. Sie werden von den Ameisen beleckt und gepflegt und ernähren sich von deren Brut. Gut geschützt verbringen sie den Winter im Ameisennest, verpuppen sich dort, schlüpfen im Frühsommer und gelangen durch die Ameisengänge ins Freie.
Faszinierend ist dieser Werdegang, aber auch anfällig. Denn der Dunkle Ameisenbläuling benötigt zur Fortpflanzung ziemlich viele Zufälle. Zunächst einmal die Wirtspflanze Großer Wiesenknopf. Der wächst nur in extensiv genutzten, feuchten Wiesen. Dann eine bestimmte Art der Wiesenameisen, die aber auch wieder bestimmte Anforderungen an ihre Umgebung stellen. Und schließlich muss die richtige Ameise der richtigen Art zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Das scheint in letzter Zeit nicht mehr so gut zu funktionieren, denn der Dunkle Ameisenbläuling ist stark gefährdet. Er gehört zu den Arten von gemeinschaftlichem Interesse, die in der europäischen FFH-Richtlinie gelistet sind.  

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