11. Die Geschichte des Waldes

Begeben Sie sich noch einmal auf eine kleine Zeitreise zurück zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Wären Sie damals, vor  200 Jahren im Hochsauerland spazieren gegangen, dann wären Sie durch eine ganz andere Landschaft als heute gewandert.
Es ist heute kaum vorstellbar, aber Anfang des 19. Jahrhunderts waren nur noch rund 1/3 des Sauerlandes bewaldet. Große Heideflächen und überalterte, lichte Wälder prägten die Landschaft. Wie konnte es dazu kommen? 
Dieser regelrecht verwüstete Wald war das Ergebnis der jahrhundertelangen Nutzung, ja Übernutzung, durch den Menschen. Die Menschen brauchten Holz für ihre Häuser, Platz für ihre Äcker. Das Vieh brauchte Futter, die Öfen brauchten Kohle.  Eine weit verbreitete Nutzung des Waldes war die Viehhude. Auf den Wiesen im Tal durften die Tiere damals nicht weiden, denn man brauchte das wertvolle Heu, um die Tiere durch den Winter zu bringen. Deswegen wurden Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine zur Fütterung auf die Heide oder in den Wald getrieben. Den Schaden, den sie dort anrichteten beschreibt Johann Nepomuk von Schwerz. Er bereiste Anfang des 19. Jahrhunderts Westfalen, um dem Preußischen Ministerium einen Bericht über den Zustand der Landwirtschaft zu geben. Außer sich vor Empörung schrieb er: 
„Ohne Übertreibung kann ich bezeugen, daß es hier Leute gibt, welche 6 Kühe halten, und wenn sie keine Ziege nebenbei haben, die Milch zu ihrem Frühstück kaufen müssen. Und an all diesem sind bloß die Gemeinheiten Schult!“ 
Mit den „Gemeinheiten“ meint Schwerz  die von allen Dorfbewohnern gemeinsam genutzten Flächen, wo jeder das Vieh weiden durfte. Meist waren das Heideflächen. Heiden entstanden überall dort, wo der Wald der dauerhaften Übernutzung nicht mehr stand halten konnte. Doch lassen wir Schwerz weiter berichten: 
Jeder will sein Recht an den Gemeinheiten benutzen, er jagt also sein Vieh mit dem der anderen hin und hält dessen mehr, als er den Winter durchbringen kann. Die elenden Sommergerippe werden im Winter noch zehnmal elender. Sind die Ziegen und Schafe in einem etwas besseren Zustande, so sind Schaden und Unheil, die sie an Hecken, Bäumen, Wäldern und Feldern anrichten, unglaublich. Die Forsten zumal werden von Grund aus zerstört. Mit einem Worte: einen solchen Nomadenhaushalt habe ich noch nicht gesehen.“
Im 19. Jahrhundert erkannte man, dass es so nicht weiter gehen konnte. Man verbot die Waldhude, die Tiere durften nicht mehr in den Wald getrieben werden. Er sollte geschützt werden und nur noch der Gewinnung von Holz dienen. Damit sich auf den verarmten Böden wieder schnell Wald entwickeln konnte, wurden die Heideflächen mit der relativ anspruchslosen und schnell wachsenden Fichte aufgeforstet. Aber auch in die überalterten Buchenwälder pflanzte man Fichten. 
So hielt die Fichte Einzug in das Sauerland. Fast 70 % der Waldflächen des oberen Sauerlandes bestehen heute aus Fichte. So auch der Wald vor uns. Auf historischen Karten ist zu erkennen, dass hier um 1830 noch Laubwald war.

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