2. Aus Wald wird Heide

Das kleine Wäldchen am Weg lässt uns ahnen, wie die Niedersfelder Hochheide aussah, bevor die Menschen im Mittelalter anfingen, den Wald immer mehr zu nutzen und zu roden: Ausgedehnte Buchenwälder prägten damals noch die Berge des Sauerlandes.  
An dem krüppeligen Wuchs der Buchen kann man die Nutzungsspuren unserer Vorfahren erkennen. Um in wenig Zeit möglichst viel Holz zu gewinnen, schnitten sie die Bäume immer wieder kurz über dem Boden ab. Aus ihrer alten, immer dicker werdenden Stammbasis wuchsen gleich mehrere, neue Stämme heraus. Auf der Niedersfelder Hochheide wurde viel Holz gebraucht, weil hier ein Ofen zur Eisenverhüttung stand. 
Die Nutzung des Holzes war nicht der einzige Grund, warum der Wald nach und nach verschwand. Das lag auch daran, dass die Bauern ihr Vieh zur Weide in den Wald trieben. Die Ziegen, Schafe, Schweine und Kühe fraßen alles – am liebsten die leckeren jungen Triebe sowie Bucheckern und Eicheln. Der Wald hatte einfach keine Chance mehr, sich zu verjüngen – ihm fehlte der Nachwuchs. Und so entstanden im Laufe der Zeit völlig überalterte, lichte Wälder.
Für die Bauern war es damals alles andere als leicht, den von Natur aus nährstoffarmen Böden im Hochsauerland Erträge abzutrotzen. Roggen gedieh selten, meist wurden nur Hafer und Kartoffeln, Flachs und Rüben angebaut. Um die Böden mit Nährstoffen anzureichern, erfanden die Bauern ein ausgeklügeltes System. Und das funktionierte so: Im Herbst zog man in die Waldweidegebiete und plaggte mit breiten Hacken die oberste, humushaltige Schicht des Bodens ab. Das war eine sehr mühsame Arbeit – der Begriff Plackerei kommt daher. Der Agrarwissenschaftler Johann Nepomuk von Schwerz, der Anfang des 19. Jahrhunderts Westfalen bereiste, schildert, wie man mit den Plaggen weiter verfuhr: 
„Man streuet den Stall mit Heideplaggen ein. Wo man nichts als Haferstroh hat, tun solche wohl not. Der Dung wird wöchentlich zweimal aus dem Stalle gebracht, gleich auf den Haufen gesetzt und im Frühjahre aufs Feld gefahren. Die Heideplaggen, sagt ein hiesiger Einwohner, geben den besten und dauerhaftesten Dung.“

Auf die beschriebene Weise wurden zwar die Äcker gedüngt, doch im Wald verarmte der Boden immer mehr. Auf den völlig ausgemergelten Böden hatten Heidepflanzen leichtes Spiel und breiteten sich  aus.  Über Jahrhunderte hinweg wurden die dadurch entstehenden Heideflächen als „Viehhude“, also Weideland genutzt, außerdem zur weiteren Plaggengewinnung. Generationen von Bauern nutzten die Heide auf diese Weise bis Anfang des 19. Jahrhunderts, teilweise sogar noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein. Dadurch konnte sich dort kein neuer Wald mehr entwickeln. Statt Wald prägten deshalb großflächige Heidegebiete die Sauerländer Landschaft.

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