5. Ausdauernd und struppig - Der Borstgrasrasen

Wir blicken nach Nord-Osten über ein Gebiet mit dem Namen „Sännerhaufs Bruch“. Mit einem „Bruch“ ist zumeist ein Feuchtgebiet gemeint. Hier sind großflächig Borstgrasrasen erhalten geblieben. Borstgrasrasen gedeihen auf nährstoffarmen, kalkfreien Böden in montanen Lagen. Sie sind heute infolge von regelmäßiger Düngung stark gefährdet.  Hier auf dem Sännerhaufs Bruch waren einst nur wenige Borstgrasrasen übrig geblieben. Seit dem Jahr 1987 nehmen die Bewirtschafter jedoch am Vertragsnaturschutz teil. Ihr durch die ökologische Bewirtschaftung entstehender Verdienstausfall wird dabei finanziell ausgeglichen. Die Erfolge können sich sehen lassen: Durch den Verzicht auf jegliche Düngung und die in den Juli hinausgezögerte Mahd der Flächen konnten die Borstgrasrasen wieder auf mehrere Hektar ausgedehnt werden! 
Ursprünglich handelt es sich bei den Borstgrasrasen des Mittelgebirges um Hutungen – das sind als Viehweide genutzte Wälder. Durch die Beweidung ging der Wald langsam zurück. 
Pflanzen, die man heute als wertvoll schätzt, galten als Weideunkräuter. Waren sie doch „nutzlos“ und wurden vom Vieh verschmäht, weil sie – wie Hauhechel und Disteln – Dornen oder Stacheln haben, oder weil ihre Blätter hart sind, wie dies bei vielen Seggen-Arten der Fall ist – und eben beim Borstgras! 
Borstgrasrasen sind kurzrasig und lückig, sie bieten Raum für viele lichtliebende Arten, die ebenfalls klein bleiben. Die Kreuzblümchen wären da zu nennen oder die Hirsesegge, die Igelsegge, das Waldläusekraut. Auch die Arnika - eine seit alters bekannte Heilpflanze – benötigt solche mageren, lückigen Standorte, da ihre Blattrosetten nicht von hochwüchsigen Pflanzen überwuchert werden dürfen. Alle diese Pflanzen stehen heutzutage als gefährdet auf der Roten Liste.
Eine Besonderheit im Gebiet sind die zahlreichen Orchideen. Ja, auch hierzulande gibt es mehrere wildwachsende Orchideen-Arten! Im Naturschutzgebiet wachsen Tausende von Grünlichen Waldhyazinthen und Gefleckten Knabenkräutern. Hier im Sännerhaufs Bruch fallen sie im Frühsommer mit ihren cremeweißen und hell-violetten Blütenständen auf. Bekannter als unsere einheimischen Arten sind sicherlich aus den Tropen stammende Formen. Die Phalaenopsis oder Falter-Orchidee, in verschiedenen Farben in jedem Baumarkt zu haben, ist heutzutage eine richtige Massenware geworden. Die einheimischen Arten kommen etwas bescheidener und unauffälliger daher. 
Wussten Sie, dass unsere Orchideen einen Pilz zum Überleben benötigen? Die Orchideensamen sind so winzig klein, dass der Wind sie davonträgt. Sie haben so gut wie keine Reservestoffe, und wenn ein Samenkorn auf den Boden fällt und keimt, muss auch schon ein Pilz vor Ort sein, der den Keimling infiziert, in seine Wurzel hineinwächst und ihn mit Nährstoffen versorgt. Man spricht auch von einem „Ammenpilz“. Ist die Orchidee erwachsen, ist sie nicht mehr völlig vom Pilz abhängig und kann sich erlauben, die Pilzfäden zum Teil zu verdauen. 
Der Gehölzstreifen, den Sie links sehen können, ist eine Feldhecke. Typischerweise besteht eine solche Hecke aus Sträuchern, in die einzelne Bäume eingestreut sein können. Eigentlich kann man sagen, eine Hecke ist ein “Waldrand ohne Wald“. Eine Hecke bietet zahlreichen Kleinsäugern, Vögeln und Insekten einen wichtigen Zufluchtsraum, vor allem in einer weiträumigen Feldflur oder in großen Grünlandbereichen. Hier können sich Igel und Hermelin tagsüber verstecken, um nachts auf Jagd zu gehen. Viele Kleinvögel legen ihre Nester an; der Neuntöter nutzt darüber hinaus die bedornten Sträucher, um seine Vorräte anzulegen. Seinen martialischen Namen hat ihm seine Angewohnheit eingetragen, erbeutete Großinsekten, Jungvögel oder Reptilien auf Dornen zu spießen.

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